In Kontakt bleiben, Gemeinsamkeiten suchen – beim Wirtschaftsdialog Russland erfuhren Mittelständler, wie Russlands Unternehmer Kooperationen sehen

Es hätte keinen besseren Ort für den „Wirtschaftsdialog Russland“ geben können als die Walter AG in Tübingen. Der Mittelständler mit mehr als 3.500 Mitarbeitern weltweit feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen und ist längst ein Global Player, ohne seine schwäbischen Wurzeln zu vergessen. Und mit Dmitry Andreev als Vice President Global Sales ist ein gebürtiger Russe aus St. Petersburg in Führungsverantwortung, der bei dem Event das Russland-Geschäft der Walter AG vorstellte und auch spontan als Co-Dolmetscher sachkundig übersetzte.

Hochrangige Gäste aus der russischen Föderation

Gemeinsam mit der Mittelstands- und Wirtschaftsunion MIT (Kreis Tübingen) und dem Institut für Sozialstrategie (IFS) organisierte LIM Baden-Württemberg dieses Info- und Netzwerktreffen. Rund 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in das neue Technologie- und Meetingzentrum der Walter AG, um vier Topvertreter der russischen Wirtschaft kennenzulernen:

Dr. Viktor Gluchich, Jahrgang 1946, Mitglied des Verwaltungsrats der RSPP (Russischer Industrie- und Unternehmerverband) und Ehrenpräsident des MKPP (Internationaler Kongress der Industriellen und Unternehmer) und Bevollmächtigter der föderalen Regierung. Der Fachmann für Turbinenbau gilt als Elder Statesman der russischen Wirtschaft, bestens vernetzt.

Michael Lobin, Jahrgang 1952, Geschäftsführender Vizepräsident des RSPP für die Region St. Petersburg. Er bekleidete in den letzten 30 Jahren Top-Positionen im Industrieministerium sowie in Schiffahrts-, Hafen- und Maschinenbau-Unternehmen.

Svyatoslav Andrianov, Jahrgang 1981, Direktor des Zentrums für politische Analyse und Informationssicherheit (INGO), Vorsitzender des Berliner Komitees für strategische Partnerschaft im eurasischen Raum sowie Mitglied des Russischen Rates für Internationale Zusammenarbeit und Zivildiplomatie. Er war drei Jahre Mitglied der Staatsduma, außerdem Berater des Gouverneurs der Region Nowgorod

Alexander Ionov, Jahrgang 1989, Gründer und Präsident von Ionov Transcontinental LLC, stellv. Direktor des Instituts für Sicherheitsprobleme und für nachhaltige Entwicklung und Mitglied des Ausschusses für Sicherheit im Russischen Industrie- und Unternehmerverband.

Co-Gastgeber Falk Föll (MIT Tübingen, Mitte) mit der Delegation aus Russland: Viktor Gluchich, Michael Lobin, Svyastoslov Andrianov und Alexander Ionov (v.l.n.r.)

Konkurrenzfähige Zukunftsindustrien vorhanden

Ziel des Wirtschaftsdialogs Russland war es, Mittelständler aus Baden-Württemberg über mögliche Geschäftsfelder und Kooperationsmöglichkeiten zu informieren und auszuloten, wie deutsche und russische Firmen zusammenarbeiten können. Viele Menschen würden laut Svyatoslav Andrianov immer noch davon ausgehen, dass es in Russland nur Rohstoffe und alte Technologien gebe. Dabei habe man besonders in den Bereichen Hightech, Luft- und Raumfahrt oder in der Feinmechanik großes Knowhow, außerdem gebe es viele gut ausgebildete Ingenieure und Techniker im Land. Dies seien gute Grundlagen für internationale Kooperationen. Michael Lobin berichtete vom Wirtschaftsaufschwung in St. Petersburg – dank einer Sonderwirtschaftszone, Logistik und Seehafen. Er entwarf die Vision einer „Seidenstraße Nord“ mit Hub St. Petersburg.

Die Walter AG lud zur Besichtigung ihres neuen Technologiezentrums. Hier werden neueste Anwendungen an geleasten Kunden-Maschinen weiterentwickelt und getestet.

Gemeinsame Vergangenheit – gemeinsame Zukunft

Aus Berlin war Martin Hofmann zum Wirtschaftsdialog Russland gekommen. Als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums (Vorsitzender ist Matthias Platzeck, Ex-Ministerpräsident von Brandenburg) und der Petersberger Dialoge gab er einen Überblick über die aktuelle bilaterale Situation zwischen den beiden Ländern, insbesondere vor dem Hintergrund der Sanktionen und der Haltung Amerikas und der EU gegenüber der Regierung Putin. Sein Referat veranschaulichte aber nochmals, wie lange und intensiv beide Länder in den letzten 200 Jahren zusammengewirkt haben. Und in Tübingen kam er nicht umhin, die enge Bande des württembergischen Königshauses zur Zarenfamilie zu thematisieren. Fazit: Kulturell, religiös und in vielen weiteren Bereichen sind sich Deutsche und Russen näher als andere Volksgruppen.

Schilderte die aktuelle politische Situation der Länder Deutschland und Russland: Martin Hoffmann vom Deutsch-Russischen Forum

Politischer Rahmen: Was ist mit Menschenrechten und Fake News?

Natürlich kann eine Veranstaltung mit russischen Gästen, die das Land offiziell vertreten, nicht ohne Hinweis auf Themen wie Menschenrechte und Meinungsfreiheit stattfinden. Andreas Glück, FDP-Europaabgeordneter, forderte in einer Videobotschaft diesbezüglich klar Verbesserungen. Svyatoslav Andrianov ging als russischer Sprecher nicht direkt darauf ein, erinnerte aus russischer Sicht aber an historische Ereignisse, bei denen sein Land trotz Bedenken immer pro Deutschland handelte – etwa 1990 mit der Zustimmung zur Wiedervereinigung. Martin Hoffmann vom Deutsch-Russischen Forum sagte, die politischen Rahmenbedingungen hätten natürlich Auswirkungen auf Wirtschaftskontakte und man dürfe sie nicht ignorieren. Dennoch, so der Russland-Experte, seien Politik und Wirtschaft aktuell gut beraten, die Strategie von Willy Brandt und Egon Bahr umzusetzen: „Wandel durch Annäherung“, also gemeinsame Interessen betonen und im Dialog bleiben, den machtpolitischen Status Quo (vorerst) akzeptieren, humanitäre und friedenssichernde Maßnahmen anbieten sowie eigene, liberale Werte in den Verhandlungen zum Ausdruck bringen.

Erfolgsmodell deutscher Mittelstand

Nach einer Gesprächsrunde, bei der das Publikum persönliche Anliegen und Ideen den russischen Gästen präsentieren konnte, gab Dr. Georg Thilenius (Dr. Thilenius Vermögensverwaltung, Stuttgart) einen sehr prägnanten Kurzüberblick über die Erfolgsfaktoren deutscher Mittelständler. Der Investor spannte den Bogen vom Tüftlergeist im Nachkriegsdeutschland über Gründerkredite bis zur modernen Mitarbeiterbeteiligung. An die russischen Gäste gerichtet sprach er die Empfehlung aus, Mittelstand zu wagen, um so mehr Wachstum, Dynamik, aber auch Potenzial für Investoren im Land zu schaffen. Thilenius: „Es sollten noch mehr Staatsunternehmen privatisiert werden, jüngere Unternehmer gefördert und kleine AGs gegründet werden!“ Eine Idee, die mit Beifall bedacht wurde: Warum nicht ein Börse für Start-ups und Mittelstandsbetriebe wie der Neue Markt in St. Petersburg aufbauen?

LIM-Landesvorsitzender Dr. Thilo Scholpp und Falk Föll, MIT/Kreis Tübingen, bei der Begrüßung der rund 75 Gäste.

Auftakt für weitere Russland-Veranstaltungen

Der Abend endete mit einem Empfang der Walter AG in der Lounge des Technologiezentrums. Bei Württemberger Weinen, Maultaschen & Fleischküchle wurden Kontakte vertieft. LIM-Landesvorsitzender Dr. Thilo Scholpp war mit den Co-Veranstaltern zufrieden mit dem Ablauf des Wirtschaftsdialogs: „Wir werden als Liberaler Mittelstand Russland-Themen auch in Zukunft pflegen und hiesigen Unternehmern mit Events wie in Tübingen eine Kontaktplattform bieten“.

Kleine Schritte für Business in Russland

Einig waren sich deutsche und russische Teilnehmer: Wo immer es möglich ist, sollten gemeinsame Projekte umgesetzt und die wirtschaftlichen Beziehungen ausgebaut werden. Dr. Viktor Gluchich fasste es in diesem Satz zusammen: „Bereiten Sie sich schon jetzt auf Business in Russland vor. Es kommen auch wieder andere Zeiten.“

(Ein Bericht über die Walter AG, Tübngen, und ihr Russland-Engagement folgt in Kürze auf dieser Webseite)

Zahlreiche LIM-Mitglieder fanden den Weg zur Walter AG. So auch die stellv. Landesvorstände Erol Kiris, Michael Köhler und Franziska Aichele. Rechts LIM-BaWü-Chef Dr. Thilo Scholpp.

 

Das Wirtschaftsforum Russland wurde von MIT/Kreis Tübingen, dem Institut für Sozialstrategie und LIM Baden-Württemberg ausgerichtet.

 

FDP-MdL Gabriele Reich-Gutjahr, wirtschaftspolit. Sprecherin der Fraktion, im Gespräch mit Oliver Zander (Mitte). Er ist Landesvorsitzender der Mittelstandsunion MIT.

 

Partner und Sponsoren der Netzwerk-Veranstaltung konnten sich im Foyer präsentieren.

In einer Fragerunde konnten deutsche Mittelständler konkrete Anliegen vortragen. Die russischen Wirtschaftsvertreter gaben Tipps zum Markteinstieg in das Land.